Kiel maritim: J.G. Seume Sommer 1805

 

Ausschnitt aus

Johann Gottfried Seume (1806). Mein Sommer 1805.

Steinacker, Leipzig

 

Johann Gottfried Seume ist der Autor des „ Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“. Drei Jahre nach dem Spaziergang macht Seume die zweite große Reise. Sie führt ihn, mit einem Abstecher durch Russland bis nach Moskau, rund um das baltische Meer (Ostsee). Polen, Litauen, Lettland, Estland, Russland, Finnland, Schweden und Dänemark werden durchreist. Von Kopenhagen geht es mit dem Paketboot nach Kiel.Davon und von einem Spaziergang an den Eider-Canal berichtet J.G. Seume im nachfolgenden Text, den er am 8. September 1805 auf der Weiterreise nach Lübeck in sein Tagebuch eingetragen hat.

 

 

 

 

Lübeck, den 8. September 1805

 

Die Seereise von Kopenhagen nach Kiel

 

Ich bin nur ein schlechter Proviantmeister; es war mir also eine wahre Wohltat, dass unser Landsmann, Herr Fiedler, mir zur Überfahrt den Speisekorb reichlich mit besorgen liess. Neptun und Äolus sind selten meine günstigen Patrone. Auch jetzt bliesen die Winde ziemlich stark aus der Gegend von Kiel, wohin wir wollten, so dass wir fünf ganze Tage über einer Reise brauchten, die man sonst zuweilen in vierundzwanzig Stunden macht. Das Beste war, dass ich nicht grosse Eile hatte, dass gute Gesellschaft war und dass wir alle mit gutem Proviant versehen waren.(Bild: J.G. Seume).

 

Einer meiner Freunde in Kopenhagen hatte mir befohlen, ruhig zu sein, er wolle mit dem Schiffer wegen der Überfahrt schon alles in Richtigkeit bringen, dass ich Kajüte und Bett bekäme. Ich war also ruhig gewesen und hatte mich um nichts bekümmert. Aber es ging nicht so gut wie mit dem Proviant; ich musste für mein Zutrauen in seine Vorsicht ohne Bette auf dem ersten besten Kasten schlafen, welches auf alle Weise ebenso schlimm war als ehemals die Pökelei auf den englischen Transportschiffen nach Amerika in den Kolonienkrieg. Ich zog mich die zweite Nacht von dem Kasten unter den Tisch, wo ich mich dann wiegen liess, soviel der Sturm wollte. So quartierte ich mich denn von dem Kasten unter den   

Tisch und von da auf den Kasten. Den letzten Abend gab mir ein Hamburger Arzt, halb aus Ärger, wie er sagte, weil seine Korpulenz in seinem Bettkasten wie eingestovt war, seinen Bettplatz; die Gutmütigkeit des wackeren Mannes mochte wohl den grössten Anteil an der Abtretung haben. Die Fahrt ist bekannt und ging schlecht genug, was das Schiffen anlangt, und lustig genug, was die Gesellschaft betrifft. Wir hatten eine gute Ladung Damen mit in der Kajüte, die alle bis zur letzten Instanz gehörig seekrank wurden, und zwar wiederholt, nachdem der Sturm brauste und schwieg.  Da bin ich denn doch in meiner Grämlichkeit einigemal ganz artig gewesen und habe hinauf- und heruntergeführt und führen helfen, wo es fehlte; sonst war meine Galanterie billig nur negativ, dass ich schnell wegging, wo ich zuviel war.

 

Der männliche Schiffsklub bestand aus einem dänischen Offizier, einem dänischen Zivilisten, dem erwähnten Hamburger Äskulap, einem Herrn Pontoppidan, Vetter des berühmten Mannes dieses Namens, dem Naturhistoriker Lenz, einem stummen Engländer, meinem Landsmanne Schmidt aus Grimme und meiner eigenen Wenigkeit. An Schnack fehlte es nicht; denn wenn er in der Kajüte ausging, wurden wir von dem Verdeck damit versehen. Es wurde viel gesungen, und sogar ich musste mein letztes altes Soldatenstückchen: "Ich ging, Egidi sind´s drei Jahr"- zu Weissens und Hillers Ehre ableiern; welches ich denn auch noch mit ziemlich leidlicher Miene tat.

 

Der dänischen Schiffspolizei kann ich wegen der Anordnung des Paketboots kein grosses Lob geben. Die Kajüte war nur so eben leidlich und hätte weit besser sein können und sollen. Auch finde ich es nicht gut, dass man nicht mit Essen versehen wird. Wenn die Reederei unter Festsetzung der Regierung mit liberalem Vorteil eine gewisse Summe bestimmte, die man für Überfahrt und Kost zugleich zahlte, würde das für die Reisenden grosse Wohltat sein, und die gute Ordnung würde gewinnen. Wer mit der gewöhnlichen guten Kost der Kajüte nicht zufrieden wäre, könnte sich extra etwas mitnehmen, wenn er Geld und Platz hat. Den Vorrat könnte sodann der Kapitän in seinem Raume in Beschluss haben. Jetzt machen die Proviantkörbe aller Passagiere eine sehr unangenehme Rummelei, und es kann doch zu keiner festen Ordnung in der Diät kommen. Jetzt gibt man vier Taler für die Überfahrt ohne alle Kost; wenn man nun mit der Kost zehen gäbe, wäre alles in gehöriger guter Ordnung, wenn man nämlich Ordnung hielte.

 

Auch sollen nicht alle Kapitäne höfliche und freundliche Leute sein; wir hatten einen sehr humanen Mann. Vor einiger Zeit setzte ein Werbeoffizier mit vielen Rekruten von Kiel über; die Fahrt ging langsam und schlecht, der Proviant fehlte, und der Schiffskapitän wollte den Soldaten durchaus nichts zu essen zukommen lassen. Das ist Schlaffheit und Unordnung, und bei einem solchen Vorfall wird eine gute Einrichtung am empfindlichsten vermisst.

 

Sehr inhuman werden die Leute auf dem Verdecke behandelt, gewissenlos hart. Es war September; die Luft ist um diese Zeit schon rauh und kalt, zumal in dieser Gegend, zumal auf See. Es waren ungefähr achtzehn gemeinere Leute auf dem Verdecke. Diese waren die ganze Zeit über dem kalten Regen und dem einschlagenden Seewasser ausgesetzt. Eine solche Überfahrt ist fast soviel als ein Feldzug; kein Dach, keine Decke, kein Stückchen Segeltuch. Unten im Raum waren Kaufmannswaren. Wir hörten Heulen und Zähneklappen unter den Leuten, und überall war Fieberschauer. Wenn der Kronprinz, von dessen Güte und Freundlichkeit alle mit Enthusiasmus sprechen, so etwas sähe, würde er gewiss Sorge tragen, dass es abgestellt würde. Auch diese Leute könnten gehalten werden, etwas mehr zu bezahlen, und würden es gern tun, wenn sie gegen Sturm und Wetter einen gedeckten Schlafplatz bekämen. Die Menschlichkeit fordert es; es sind vierzig Meilen, und auf einem solchen Wege ist man zur See schon vielen Zufällen ausgesetzt. Ein Obdach gesteht man sonst dem letzten Bettler zu. Die beste Einrichtung von Überfahrt findet man vielleicht auf den königlichen Paketbooten von Neapel nach Palermo.

 

Wir konnten die Inseln gar nicht loswerden, Moen und Langeland und Falster, und wie die Nester alle heißen, waren uns ewig im Gesichte, und wir glaubten alle Stunden links hinüber nach dem Mecklenburgischen geworfen zu werden.

 

Kiel

 

Endlich leierten wir uns doch bis auf einige Entfernung von der Kieler Festung Friedrichsort herein, aber es ging unerträglich langsam. Da kam ein Fischerboot, das einige von der Gesellschaft aufnehmen und einbringen wollte; aber man konnte, weiß der Himmel warum, lange nicht einig werden. Ich hatte zum ganzen Handel noch keine Silbe gesagt, weil ich Resignation spielte und niemand den Platz im Boote nehmen wollte. ,,Wie viel kann denn das Boot halten?" fragte ich endlich. ,,Wohl sechzehn", war die Antwort. Kaum war die Antwort gefallen, so hatte ich auch schon Hut und  Stock, war hinaus über Bord und sass im Boote. ,,Wer mit will, mache eilig", rief ich, ,,sonst zahle und fahre ich allein." Denn Du musst wissen, wenn meine Kasse in der tiefsten Ebbe ist, hat mein Mut immer die höchste Flut. Sogleich hatte man sich gesammelt, es blieb niemand zurück als der einsilbige Brite, und wir fuhren, was die Arme der Fischer vermochten, herein in die Stadt.

 

Die keilförmige Bucht von Kiel, von welcher wahrscheinlich die Stadt den Namen hat, macht bei der Einfahrt einen schönen Anblick: Rechts die Festung und der Kanal und der Wald und links einige schöne Dörfer mit schön gruppierten Bergschluchten. Ich hatte nicht geglaubt, daß hier ein so starker Schiffbau wäre, als ich fand. Der Hafen hält bis an die Stadt sehr große Fahrzeuge.

 

In Kiel traf ich einige alte Bekanntschaft und machte einige neue. Unter den letzten waren auch die Herren Weber, Vater und Sohn, die dir als Gelehrte hinlänglich bekannt sind. Der Sohn war vor kurzem in Schweden gewesen; und es freute mich, dass es ihm dort auch gefallen hatte. Für ihn als Botaniker mag Schweden allerdings sehr reiche Ausbeute geben. Heinrich von Breslau, der, wie du weißt, hier Professor ist, scheint sich, scheint sich hier unten an der ostsee weit besser zu befinden als oben an der Oder. Wenn den guten Mann hier nur nicht auch die Polypragmosyne verfolgt, die ihm dort nicht eben viel Ruhe liess.

 

In Kiel gefällts mir nicht sonderlich, aber bei Kiel ists desto besser. Die Gegend ist äusserst freundlich und lieblich, und man könnte wohl sagen malerisch, wenn man darunter das versteht, was die Seele durch das Auge in angenehme Bewegung setzt. Ich weiß nicht, welcher Kritiker, ich glaube, es ist Ramdohr, soll die hiesigen Umgebungen etwas bitter mitgenommen haben, und die guten Kilonier sind billig darüber etwas unzufrieden. Einige gegründete Kunstbemerkungen mögen wohl darunter gewesen sein, und diese hat man benutzt. Es ist hier allerdings keineswegs die hohe Schönheit der Alpen und die furchtbare Größe ihrer Gipfel und Schluchten, sondern es ist die gefällige Wellenlinie, die die Seele in Ruhe und Betrachtung zieht. Es wird hier kein Tell den Bund zum großen patriotischen Trauerspiel schwören, aber Voß kann seine Idyllen singen. Ramdohr hat der Gegend wohl zu viel getan, wenn er sie nicht für schön gelten läßt. Doch Meinungen stimmen selten überein, seine Venus Urania wäre auch nicht ganz meine Urania. Für den Landschaftsmaler ist freilich nichts Ausgezeichnetes hier, aber sehr viel reiner Genuß für den unverdorbenen Sohn der Na-tur. Wenn man die Partien mit dem Gaurus und dem Ciminus und dem Rigi mißt, verlieren sie freilich, aber das bekanntere Deutschland hat vielleicht nicht noch zwanzig so freundliche Gegenden aufzuweisen als die Kieler ist, und dann kann man in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes schon sagen, sie sei schön.

 

Morgenspaziergang zum Canal bei Knoop

Ein Morgenspaziergang durch Düsterbrook (Düsternbrook) nach der Mündung des Canals und an diesem hinauf bis Knop ist ein Genuß, den zehn Seestädte nicht gewähren. Ich möchte wohl an dem ganzen Kanal hinauf bis an die Nordsee gehen, die Schönheiten müssen zahlreich und mannigfaltig sein. Von der Mündung bis nach Knop (Knoop), kaum eine Stunde Weges, begegneten uns eine Menge Schiffe, und ihre Durchfahrt durch die Schleusen gibt Unterhaltung, wenn man es auch schon sehr oft gesehen hat. Das Gut und der Garten des Grafen Baudissen (Baudissin) sind zwar auch nicht in dem Stil der hohen Schönheit - das würde die Gegend kaum erlauben -, aber es ist in beiden viel Mannigfaltigkeit und das Nützliche und Angenehme in freundlicher Verbindung. Selten habe ich eine fröhlichere Mahlzeit gehalten als das Frühstück dort am Canal im Wirtshause. Fast ward, welches nur sehr selten geschieht, die Stimmung meiner Seele idyllisch, und wenn ich zufällig länger in Holstein geblieben wäre, so hättest du Gefahr gelaufen, wieder etwas Theokritisches von mir zu bekommen, die "Hexe" oder die "Ernte", wie dich meine abgelaufenen Stiefelsohlen in Palermo mit dem "Zyklops" beglückseligten. (Bild: Eider Kanal bei Gut Knoop )

 

 

Seume reiste von Kiel nach Lübeck weiter:Zwei meiner Bekannten brachten mich mit viel Artigkeit bis Prez (Preetz), ...In Plön besuchte ich auf dem Schlosse ein Stündchen den Herrn von Hennings und bedauerte, daß ich nicht länger bei ihm bleiben konnte. ....

 

(bearbeitet und herausgegeben von Friedemann Prose, Juni 2011)

 

Die Bilder wurden den inhaltlich entsprechenden Seiten von Wikipedia entnommen.

mehr zur Route von Seume und Jules Verne Vom mare balticum zum Ozean. Eiderkanal und Eider.