Häuschen am Kanal (von Lea Lubs)

 Das Häuschen am Kanal

Ein blankes, rotes Häuschen

dort unten am Kanal

an einem schönen Plätzchen

so neu war es schon mal.

 

 

Wenn man unten am Kanal den Schienen folgt, immer weiter nach Nordwesten, kommt man irgendwann zu dem Fähranleger, an dem die kleine Fähre unermüdlich zwischen der Wik und Holtenau hin – und her tuckert.

Nun spiegelt sich die Sonne auf dem roten Dach, Hunde, Fahrräder und Menschen warten auf die Fähre, manche ungeduldig, manche haben alle Zeit der Welt.

Ein Kinderwagen rollt die Rampe herunter. Das Kind drinnen schläft, das andere, an der Hand seiner Mutter, schaut mit großen Augen auf das Wasser. „Wann kommt das Schiff denn?“ fragt es.

Es ist ein schöner Sonntagmorgen – doch das war nicht immer so.

 

Es war früh morgens; ich war auf dem Weg zur Schule. Während ich an der Bushaltestelle auf den Bus wartete, stieg mir ein merkwürdiger Geruch in die Nase.

Es roch nach Kerze.

„Wer zündet so früh morgens denn schon Kerzen an, dazu noch im Sommer?“ dachte ich.

Ein wenig wunderte ich mich, doch als der Bus kam, vergaß ich den Vorfall.

Erst, als ich aus der Schule kam, empfing mich meine Mutter mit den Nachrichten.

„Oh. Wie, abgebrannt?“

„Ja, hast du denn nichts bemerkt, als du über die Hochbrücke gefahren bist?“

Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich fuhr zwar jeden Tag über die Hochbrücke aber gesehen hatte ich nichts. Nicht einmal ein Rauchfähnchen.

Leute waren evakuiert worden? Nö, nichts mitbekommen.

 

Ein traurig schwarzes Häuschen

so schlimm sah's noch nie aus

an einem schönen Plätzchen

das arme kleine Haus.

 

Des Nachts hämmerten Fäuste an Türen, Menschen wurden aus dem Schlaf gerissen und in die nächstgelegene Turnhalle gebracht, alle waren sich unsicher, was weiter geschehen würde, niemand wusste Genaues. Angst brach aus, Kriegserinnerungen wurden wach. Einige hatten die Explosion gehört, manche hatten den Rauch gesehen. Und ich fahre an der Katastrophe vorbei und bekomme es noch nicht einmal mit.

Nachmittags waren wir dort und starrten auf die Trümmer. Wäre es nicht Sommer gewesen, wäre der erste Eindruck nicht ungewöhnlich gewesen. Der Boden war weiß wie von Schnee, mit  merkwürdigen Mustern bedeckt. Das einst rote Häuschen war schwarz, das danebenliegende Büro einem Käfig gleich, den man gesprengt hatte. Ringsum lagen diese rostigen Trümmer, verzerrt, halb geschmolzen. Die Schienen verbogen durch die Hitze, umschlossen von Wachs, erstarrten Wellen gleich.

Das Feuer hatte sich als Künstler versucht und ein Muster auf das Metall gemalt.

Und überall, als wäre dies eine riesengroße Feier, die nun zuende war, standen, lagen, flossen ineinander, die Teelichter.

 

Viel Zeit verging, doch Adler fuhr

ganz tapfer zum Ersatz.

Als grad Gewohnheit war die Tour

war's Haus am alten Platz

 

Jetzt strahlt das Häuschen wieder rot,

kein Mensch wird mehr vertrieben.

Niemals soll's wieder sein in Not

und alle sind zufrieden.

 

 

Von Lea Lubs